Offener Brief an den Vorstand der Deutschen Schule Bariloche, Argentinien

12. Dezember 2008  •  Abgelegt unter Allgemeines  •  Kommentieren 

Als Reaktion auf die Ereignisse um den “Aktionstag gegen Antisemitismus und Diskriminierung” (siehe Post: Antisemitismus heute) habe ich dem Schulvorstand einen Offenen Brief geschrieben, der bis heute unbeantwortet ist. Allerdings bekam ich kurz darauf einen anonymen Brief mit faschistischen und geschichtsrevisionistischen Inhalten aus Bariloche zugeschickt…

 

An die 

Comisión Directiva de la Asociación Cultural Germano-Argentino de Bariloche 

Deutsche Schule Bariloche, Ángel Gallardo 40, 8400 San Carlos de Bariloche, Argentinien

 

Sehr geehrte Mitglieder der Comisión Directiva,

die Deutsche Schule Bariloche kämpft über 14 Jahre nach der Verhaftung und Verurteilung von Erich Priebke immer noch mit dem Image einer Nazi-Schule. Dieses Image ist sicher nicht nur auf Priebke zurück zu führen, denn es ist weithin bekannt, dass die Stadt San Carlos de Bariloche in der Nachkriegszeit vielen Nazis und Kriegsverbrechern als Unterschlupf diente. In der öffentlichen Darstellung werden die Deutsche Gemeinschaft und die Deutsche Schule daher gerne gemeinsam beschrieben als eine Gruppierung von ehemaligen Nazis, Kriegsverbrechern und nicht zuletzt vielen Sympathisanten der nationalsozialistischen Ideologie. Auf Internetseiten wird die Schule als „rechtsextrem“ oder „nationalsozialistisch“ charakterisiert, in der Online-Enzyklopädie Wikipedia war im Artikel zu Erich Priebke zu lesen, dass er „Leiter der zum Rechtsextremismus tendierenden Deutschen Schule“ gewesen sei, ich habe dies geändert. Schüler verschiedener Klassen fragten mich, ob ich wüsste, wie in Bariloche über die Schule gesprochen wird, einige erzählten, dass sie bei Schulsportveranstaltungen als „Schüler aus der Nazi-Schule“ beschimpft wurden. Auf meinen Vorschlag hin, eine Arbeitsgruppe zum Thema Holocaust zu machen, fragten mich meine Schüler: „¿Y te dejan?“, gemeint war die Schulleitung. Glücklicherweise konnte ich keinerlei schädliche Einflüsse auf den alltäglichen Schulbetrieb feststellen.

Alle diese Hinweise auf das Image der Deutschen Schule in Bariloche geben Anlass zur Sorge und sollten für die Schulleitung und den Schulvorstand eigentlich Signale sein, eine aktive Auseinandersetzung mit dem belastenden Vergangenheit und der Darstellung der Schule in der Öffentlichkeit zu suchen. Stattdessen spiegeln Aussagen der Schulleitung wie „Das Thema Holocaust ist doch eher was für die Israelische Gemeinschaft.“ oder Aussagen aus dem Vorstand wie „In Dresden gab es auch Holocaust, in Hiroshima auch und in Nagasaki…“ Haltungen wider, die entweder als bewusst geschichtsrevisionistisch oder als töricht angesehen werden müssen.

Ebenso wenig kann ich das Verhalten der Schulleitung und des Vorstandes im Zusammenhang mit der staatlich organisierten Filmvorführung „Mujeres de la Shoá“ für Schulen am Aktionstag gegen Antisemitismus und Diskriminierung verstehen. Eine Deutsche Schule muss sich bei einer solchen Veranstaltung unbedingt engagieren, und dass die Schulleitung der einzigen Deutschen Schule vor Ort deswegen als einzige zum Vorbereitungstreffen der Arbeitsgruppe eingeladen wird, ist aus deutscher Sicht ebenso selbstverständlich wie die erwartete Teilnahme der Deutschen Schule. Vier Wochen Vorbereitungszeit reichen bei Weitem aus, um die Schülerinnen und Schüler pädagogisch vorzubereiten und eine Teilnahme an der Filmvorführung zu organisieren. Das Filmmaterial und das vom Holocaust-Museum Buenos Aires konzipierte didaktische Material zu kritisieren und sich als Deutsche Schule durch die allseits erwartete Teilnahme gar selbst diskriminiert zu fühlen, wirkt dem eingangs beschriebenen Image nicht entgegen, sondern manifestiert es dadurch umso mehr. Der deutsche Botschaftsreferent Herr Freigang dementiert ausdrücklich die Aussage der Subcomisión Educativa, dass mit ihm als Vertreter des Botschafters eine Einigung darüber erzielt worden sei, nicht mit Schülern an der Veranstaltung teilzunehmen.

Nicht nur durch die Haltung in dieser Sache drängt sich mir der Eindruck auf, dass eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust von Seiten der Schule nicht gewünscht ist. Eine öffentliche Demonstration und eine eindeutige Haltung der Schule gegen antisemitische Parolen und nationalsozialistische Ideen ist jedenfalls in den zwei Jahren meiner Tätigkeit nicht geschehen, eine öffentliche Distanzierung von dem verurteilten und unreuigen Kriegsverbrecher Erich Priebke ist mir nicht bekannt. Eine einzige schulöffentliche Filmvorführung des Dokumentarfilms „Pacto del Silencio“ im Jahr 2006 kann nicht fortwährend als Ausrede dafür vorgebracht werden, dass man sich ja mit dem Thema auseinander gesetzt habe.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, speziell mit Nationalsozialismus und Holocaust, ist niemals zu Ende, wie es Mitglieder der Schulleitung und des Vorstandes gerne einfordern. Natürlich gibt es immer Leute, die anders denken, aber gerade einer Deutschen Schule kommt in diesem Punkt eine besondere Verantwortung zu. Dies ist meine Meinung als deutscher Staatsbürger, als deutscher Lehrer und besonders als Lehrer an der Deutschen Schule Bariloche mit ihrer nicht unproblematischen Vergangenheit in einer Stadt, die bekanntermaßen Zufluchtsort für ehemalige Kriegsverbrecher und Nationalsozialisten ist. Antisemitismus, insbesondere sekundärer Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus, Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit sind auch heute noch aktuelle Themen in Deutschland und in Argentinien, und jeder Deutsche steht daher in der besonderen Verantwortung, die Erinnerung zu bewahren, den Dialog zu suchen und seine Stimme zu erheben gegen jede Form der Diskriminierung, der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus. Eine Institution wie die Deutsche Schule ist von dieser Verantwortung nicht ausgenommen, im Gegenteil.

In dem Deutschland, aus dem ich vor zwei Jahren nach Argentinien ausgereist bin, ist der Holocaust immer ein Thema. Gerade in einer Zeit, in der es immer weniger Überlebende und Augenzeugen des schrecklichen Krieges gibt, ist man in Deutschland um so bemühter, die Erinnerungen an den Holocaust für die nachkommenden Generationen festzuhalten, damit so etwas niemals zur Wiederholung kommt. Nicht nur in den schulischen Lehrplänen ist das Thema fortwährend präsent, sondern es zeigt sich auf unterschiedlichste Art und Weise im Leben eines jeden deutschen Staatsbürgers, ob in der Zeitung, im Fernsehen, im Kino, im Museum oder im Internet. Der Holocaust ist in Deutschland spätestens seit den 1960er Jahren durch Schriftsteller wie Böll, Enzensberger oder Borchert ein öffentliches Thema, über das immer gesprochen und geschrieben wird. Bundespräsident Horst Köhler sagte unlängst in der Knesset:

„Wir müssen die politische Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und Antisemiten suchen, und wir müssen sie offensiv führen, und wir werden das auch tun.  Dabei müssen wir uns vor allem fragen, ob wir unsere jungen Menschen wirklich erreichen, ob Lehrer, Eltern und Journalisten über den Irrweg des Nationalsozialismus wirksam aufklären. Den Kampf gegen den Antisemitismus müssen wir immer wieder neu führen. Er geht uns alle an. (…) Ich kann Ihnen berichten, daß gerade auch Schüler hier in Deutschland aktiv sind. Sie führen Interviews mit den letzten Zeitzeugen und erforschen die Geschichte ihrer Nachbarschaft, um den Spuren der Shoa nachzugehen.“

Der Holocaust ist so sehr im deutschen Bewusstsein verankert, dass die Menschen sensibilisiert sind und sich aktiv mit diesem Thema auseinandersetzen. Warum fällt genau das einer Schule, die zwar weit von Deutschland entfernt ist, die aber eine Deutsche Schule ist, so schwer?

Ich appelliere daher an die Mitglieder des Schulvorstandes, die Auseinandersetzung mit diesem Thema zu fördern und dauerhaft aufrecht zu erhalten und den Dialog mit Menschen und Institutionen zu suchen, die bei dieser Arbeit nicht nur helfen wollen, sondern ihre Unterstützung geradezu anbieten. Die Deutsche Botschaft Buenos Aires hat der Israelischen Gemeinschaft in Bariloche zum Yom Kippur gratuliert, wann hat die Deutsche Gemeinschaft zuletzt gratuliert oder den Kontakt gesucht? Es gibt im Umfeld der Schule viele interessierte, offene und hilfsbereite Menschen, die ebenfalls nur das Beste für die Deutsche Schule Bariloche wollen. Diese innovativen Kräfte sollten gebündelt werden, um die Schülerinnen und Schüler der Deutschen Schule auf ihre Zukunft in einer demokratischen, globalen, toleranten und mannigfaltigen Welt vorzubereiten.

Mit den besten Wünschen für die Zukunft möchte ich den Brief mit weiteren Worten des Bundespräsidenten Köhler schließen:

„Wir haben die Verantwortung, die Erinnerung an all dieses Leid und an seine Ursachen wach zu halten, und wir müssen dafür sorgen, dass es nie wieder dazu kommt. Es gibt keinen Schlussstrich.“

gez. Marc Seegers

Bundesprogrammlehrkraft

Deutsche Schule Bariloche